Giovanni Agusta
(1879-1927)
Luftfahrt-Pionier und Gründer der MV-Gruppe
Agusta
Doppeldecker
erster Flug 1907
Breda
Ba88:
Agusta stellte eine Anzahl dieser Maschinen
während des Zweiten Weltkrieges her.
|
Gründung der Firma MV Agusta
Es begann im Grunde schon im Jahre 1907, als ein
wohlhabender Italiener namens Giovanni Agusta beschloss,
selbst ein Flugzeug zu bauen. Nicht einmal vier Jahre
nach dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright am
17.Dezember 1903 in Kittyhawk (USA). Giovanni Agusta,
1879 in Parma geboren, war damit ein wichtiger Faktor in
Italiens Luftfahrtindustrie. 1911 entwarf er einen
Fallschirm, der im Falle eines Motorversagens nicht nur
den Piloten, sondern auch das Flugzeug unbeschadet zur
Erde bringen sollte. Als Vorläufer ähnlicher Verfahren
von heutigen Raumkapseln Bremsschirmen. Im gleichen Jahr
setzte Italien als erste Nation der Welt Flugzeuge zum
Zweck der Kriegsführung ein. 1919 galt Agusta als eine
der führenden Luftfahrt-Spezialisten Italiens. 1920
gründete er die Costruzioni Aeronautiche Giovanni
Agusta, eine Aktiengesellschaft zur Herstellung, Wartung
und Reparatur von Militär- und Zivilflugzeugen. Am
27.November 1927 starb Giovanni Agusta, erst 48 Jahre
alt, und die Unternehmensleitung ging in die Hände
seiner Frau Giuseppina Turetta Agusta über. Von den vier
Söhnen Vincenzo, Mario, Corrado und Domenico erwies sich
bald letzterer als geeignet, die Härten des
Geschäftslebens erfolgreich meistern zu können. Zusammen
mit dem frühen Tod des Vaters galt es bald auch, die
grösste Wirtschaftskrise dieses Jahrhunderts zu
verdauen. Der damals 21jährige Domenico überstand nicht
nur den Sturm, sondern blieb danach bis zu seinem Tode
1971 an der Spitze des Unternehmens. |
Die
erste Serien-MV
Rennabteilung
Blickfang im Jahr 1950: Prototyp R19 Turismo
83-Ottantare
1958-1960
|
Kriegsjahre und Nachkriegszeit
Mit Italiens Kriegseintritt am 10. Juni 1940 begann in
Gallarate eine Zeit schnellen Wachstums. Obwohl MV (Meccanica
Verghera) offiziell erst 1945 gegründet wurde, unternahm
man die ersten Schritte in Richtung auf dieses
geschäftliche Wagnis schon 1943, als Italien kurz vor
der Kapitulation stand und Graf Agusta für den
Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg plante. Der Graf
war der Ansicht, dass im Nachkriegsitalien vorrangig
billige motorisierte Transportmittel benötigt würden. Er
wäre wohl der erste gewesen, seiner Verwunderung
Ausdruck zu geben, hätte man ihm mitgeteilt, wohin
dieses einfache Unterfangen führen würde und wie schnell
sich seine Motorräder zu neuen Zielen aufmachten.
Das erste Motorrad
Die erste Konstruktion war eine 98-ccm -Zweitakter mit
Zweiganggetriebe, kaum etwas um Legenden zu schaffen,
aber genau das, was der Markt benötigte. 1945 gelangte
die Maschine unter dem Namen Vespa in Produktion, hatte
eine zusätzliche Gangstufe erhalten, blieb aber reines
Gebrauchsfahrzeug. Das Werk in Gallerate arbeitete 1948
auf Hochtouren, und MV-Motorräder strömten in stetig
wachsender Zahl aus den Hallen.
Rennprogramm
In vollem Vertrauen darauf trieb Agusta nicht nur die
Entwicklung einer Reihe von Neukonstruktionen für die
Zukunft voran, sondern kurbelte auch ein Rennprogramm
an. Als zu Beginn des Jahres 1950 die Auslieferung der
ersten Lungo begann, gab es über 250 MV-Händler in ganz
Italien. Die neue Sportmaschine wurde schnell zum
Trendsetter. Unter Fahrern wie Mario Ventura und Mario
Fornasari holte die Lungo 1950 Siege für MV bei den
bedeutenden Langstreckenrennen, dem Giro d`Italia und
Milano-Taranto. Beide Veranstaltungen fanden auf
öffentlichen Strassen statt und galten als die
prestigeträchtigsten Wettbewerbe für Serienmaschinen in
Italien. Auf dem Mailänder Salon im November 1950 liess
MV eine Bombe platzen, indem man eine strassentaugliche
Version des neuen Halbliter-
Vierzylinder-Grand-Prix-Renners vorführte. Die R19
stellte alles, was die Konkurrenz zu bieten hatte, in
den Schatten.
|
Raid 250-ccm
1956-1962
ein modernes
Mittelklasse-
motorrad

MV 600
Quattro Cilindri 1965

Regolarita 125
1965
|
Der Bau
eines Viertakters
Tatsächlich tendierte MV in den Jahren 1955 und 1956
dazu, sich, was die Serienproduktion anbelangt, auf
seinen Lorbeeren auszuruhen. Das Ergebnis war
voraussehbar. Firmen wie Ducati, Aermacchi, Moto Guzzi,
Gilera und Parilla schnitten sich vom Inlandsanteil der
Gallarater noch einige Scheibchen ab, indem sie eine
Unmenge neuer Modelle auf den Markt brachten. Es gelang
MV aber, zurückzuschlagen, indem man Ende 1956 Details
eines neuen Viertakters veröffentlichte. Dabei handelte
es sich um die erste 250-ccm-Maschine, die die Firma
nach dem veralteten Entwurf von vor zehn Jahren
produzierte.
Im Jahre 1958 erschien der Prototyp einer anderen
Neukonstruktion. Es handelte sich um die Ottantare
("83"), die ihren Namen dem Hubraum von 83-ccm
verdankte.
Am Ende der Scala brachte MV die Raid 300, eine
Weiterentwicklung der schon existierenden 250er. Polizei
und Militär benutzten schliesslich das in entsprechenden
Stückzahlen gefertigte Modell. Die 300er bekam
schliesslich neuen Lebensatem eingehaucht, als sie unter
Lizenz von Avello in Spanien gebaut wurde.
Auf dem Mailänder Salon 1963 bestand das Angebot an
Viertakt-Einzylindern aus Checca Gran Turismo, Centomila
Turismo und Rapido Sport. Zwei Jahre später, wiederum in
Mailand, wurde die sensationelle 600er Vierzylinder
vorgestellt.
Einstieg in den Geländesport
Dabei unbemerkt geblieben, war ein neues
Einzylinder-Modell. Seit Mitte der 50er-Jahre hatte MV
keine echten Geländemaschinen mehr gebaut und stellte
nun mit der Regolarità 125 eine Top-Six-Day-Enduro vor.
Nach Einstellung der Regolarià-Produktion brachte das
Jahr 1967 eine ziemlich verwässerte Version davon. Sie
hiess Scrambler und war einfach eine Strassenmaschine
mit hochgelegter Auspuffanlage, Geländelenker, in keiner
Weise mit dem Original zu verwechseln. Man kann wohl
annehmen, dass MV damit auf das schnelle Geld
spekulierte, sich aber dabei verrechnet hat.
|

750 Sport
1969

Serienproduktion
im MV Werk

750 S
America 1975

350
Ipotesi 1975

125 S
1975 |
Das
Wunder von 1969
Das Erscheinen 750 S auf der Zweirad-Ausstellung von
Mailand im Jahre 1969 liess diejenigen Kritiker abrupt
verstummen, die die 600er MV als Motorrad für gesetzte
Herren, als wenig aufregend oder sogar als langweilig
eingestuft hatten. Hier war sie nun endlich, die
Maschine mit dem echten "Cafe-Racer"- Image, das
Superbike, von dem die Racingfans der Marke MV auf der
ganzen Welt zwar geträumt, aber nie zu hoffen gewagt
hatten. Ein legitimer Nachfolger der legendären
Vierzylinder-GP-Werksrenner, dem man das Rennerbe schon
von weitem ansah.
Die Wahrheit ist, dass keiner die wirklichen Gründe
dafür kennt, dass der Conte grünes Licht für die
Fertigung der 750 S (Typ 214) gab. Egal, es war eine
absolut logische Reaktion und gleichzeitig der Auslöser
für das bevorstehende Desaster.
Obwohl alleine das Styling der 750 S genügte, um
sämtlichen Motorradfahrern Herzklopfen zu verschaffen,
sollte sich diese Version - genau wie alle anderen
Vierzylinder-Strassenmaschinen des Hauses - nie in
grösseren Stückzahlen verkaufen, bzw. nie der Firma das
bringen, was ein Unternehmen dringend braucht: Gewinn.
Schwierige Jahre
Die Tatsache, dass sich MV durch die Fertigung von
strassentauglichen Ablegern seiner Werksrenner das
Genick selbst brechen sollte, steht ausser Debatte.
Hinter der Aktualisierung der 750 S und den im Anschluss
daran stattfindenden Ereignissen in der
Motorradabteilung von Agusta standen eine Reihe
entscheidender Faktoren. Der wichtigste war der Tod des
Conte Domenico Agusta im Februar des Jahres 1971. Obwohl
sein Bruder Corrado seine Nachfolge antrat, hatte dieser
nie die vollständige Kontrolle über das Unternehmen wie
dies bei dem unumschränkt herrschenden Domenico der Fall
war.
Beteiligung durch die Regierung und die Folgen...
Eine vollständige Kontrolle war ab 1973 sowieso nicht
mehr möglich, da nun die italienische Regierung über die
Finanzgruppe EFIM am Unternehmen beteiligt war. Der
Conte Corrado Agusta behielt zwar den Titel des
Präsidenten, beschäftigte sich nunmehr aber in erster
Linie mit dem Flugzeugbau. Der neue Mann am Ruder war
Luigi Ghisleri. Seine Hauptaufgabe war die Umsetzung der
beachtlichen Rennerfolge von MV in einen kommerziellen
Erfolg, um so für eine Sanierung der Motorradabteilung
sorgen zu können. Alleine durch seine Anwesenheit machte
er der Öffentlichkeit deutlich klar, dass die Geschicke
der Firma MV von einem offiziellen Vertreter der
Regierung und nicht von einem Mitglied der Familie
Agusta gelenkt würden. Auf die Frage, warum MV im Jahre
1974 nicht erfolgreicher gewesen sei, führte Ghisleri
an, dass an der 750er doch einige Verbesserungen
eingeführt worden seien und dass die Fertigung des 350er
Modells lediglich durch die hemmenden Aktivitäten der
Gewerkschaften verzögert worden sei. Zwei Kommentare
Ghisleris waren jedoch als Warnsignal zu verstehen. Der
oberste Boss von MV gab zu bedenken, dass "bei der
derzeitigen weltweiten Wirtschaftskrise der Markt für
die teuren MV-Motorräder sorgfältig untersucht werden
müsse". Es schien, als ob seine Geldgeber innerhalb der
Regierung die Daumenschrauben ansetzten und die Zukunft
der Firma MV Agusta als Motorradhersteller in Frage
stellten. Ghisleri bezifferte das angestrebte
Fertigungsvolumen von MV auf 10000 Einheiten pro Jahr,
das sich gleichermassen auf die Hubraumklassen 125, 350,
500 und 750ccm verteilen sollte. In diesem Zusammenhang
ist es interessant zu erwähnen, dass die Gesamtzahl der
je produzierten 750-S-Modelle wohl kaum 700
überschritten hat.
Der Einfluss der Amerikaner
1975 wurde ein neues Modell auf den Markt gebracht, die
750 S America. Die ganze Geschichte ist äusserst
einfach, die America verdankt ihren Namen und ihre
Existenz dem Interesse zweier Amerikaner, Chris Garville
und Jim Cotherman. Garville war Chef der Commerce
Overseas Corperation, einem New Yorker Unternehmen mit
Sitz in der Wall Street 120, das schon lange Jahre mit
dem Hubschrauberbereich der Firma MV Agusta
Geschäftsbeziehungen pflegte. Cotherman war Inhaber
einer MV-Vertragswerkstatt in den USA und hatte bei den
MV-Fans in Nordamerika einen sehr guten Ruf als Händler
mit Rennsportambitionen und als kompetenter Tuner der
Vierzylinder aus Gallarate.
|
Das Ende
naht
Im Verlauf des Jahres 1976 tauchten unmissverständliche
Anzeichen dafür auf, dass es mit der grossen Marke MV endgültig
bergab gehen sollte. Die Entscheidung zur Aufgabe des Rennsports
war schon zu einem früheren Zeitpunkt vom neu ernannten
Direktorengremium getroffen worden. Mit dieser Wahl verliessen
die alten Hasen des Motorradsektors - Männer wie Spairani und
Ghisleri - die Geschäftsführung und wurden durch
Hubschrauberexperten und Rechnungsführer ersetzt. Von diesem
Zeitpunkt an war das Schicksal der Marke MV als
Motorradhersteller endgültig besiegelt. Der Auftrag des neuen
Führungsgremiums war einfach: klar Schiff machen, damit man sich
vollständig auf die weit lukrativere luftfahrttechnische Seite
des Agusta-Imperiums konzentrieren konnte. Diese Ereignisse
wurden durch zwei bedeutsame Misserfolge innerhalb des
Motorradbereichs eingeläutet. Der erste war das schlechte
Absatzergebniss der America gegenüber den projektierten
Verkaufszahlen; die erwarteten und eingeplanten Stückzahlen
wurden nie erreicht. Der zweite Misserfolg war die betrübliche
und darüber hinaus kostenintensive Leistungsausbeute der neuen
GP-Rennmaschinen-Generation mit Vierzylinder-Zweitakt-Motoren.
Der
Tod...
1978 wurden zum letzten Mal die Motorradfertigungsstrassen
angehalten und die bis dato von der Motorradabteilung belegten
Räumlichkeiten wurden direkt von der immer erfolgreicher
operierenden Hubschrauberfertigung übernommen. MV Agusta, einst
der stolzeste und strahlendste Name in der Geschichte des
Motorrad-Grand-Prix-Sports, war dahingeschieden. Das Ableben
wurde hervorgerufen durch die Verstrickung verschiedener
Ereignisse im Verlauf der 70er - dem Tod des Conte Domenico,
fehlende Investitionen für neue Modelle, dem Erfolg der
Hubschrauberabteilung und vor allem durch die namenlosen
Vertreter der Regierung, denen Bilanzen mehr bedeuteten als ein
Name, sei er auch noch so berühmt!
...Nachruf...
Es sollte ab diesem Zeitpunkt den Fans und Enthusiasten der
Marke überlassen bleiben, die Fahne innerhalb und ausserhalb
Italiens hochzuhalten und die Legende auch in den
darauffolgenden Jahrzehnten weiterleben zu lassen.
Die Aura wird aber so lange weiterleben, wie sie die MV-Fans auf
der ganzen Welt durch den Besitz, die Pflege und das Fahren der
feurigen Signorina aus Gallarate erhalten werden. Egal, ob es
sich nun um eine bescheidene 125 ccm Einzylindermaschine oder
einen mächtigen und beeindruckenden Vierzylinderrenner handelt,
MV Agusta lässt sich mit drei Worten zusammenfassen: Prestige,
Kraft und vor allem Ruhm...............
Bis zum heutigen Zeitpunkt lebt die Legende MV Agusta in
verschiedenen hervorragend erhaltenen Exemplaren weiter, die in
der Regel nur zu den Treffen der MV-Enthusiasten auf der ganzen
Welt herausgeholt und der Öffentlichkeit gezeigt werden. Ab und
zu hat man auch die Chance und das Vergnügen, eine MV Agusta auf
der Strasse zu sehen und zu hören - ein absoluter Hammer!
F4 Oro
1997 |
...die
Auferstehung
Die Reinkarnation von MV Agusta erfolgte am 15.
September 1997 mit der Präsentation der F4 Oro.
|
Quelle;
MV Agusta Club Schweiz
|